17.03.11

Wir sind dabei. Wir sind dagegen.

Unter den dramatischen Eindrücken eines mehrfach explodierenden Atomkraftwerkes in Japan, drängt sich Vielen in diesen Tagen ein dringendes Bedürfnis nach Atomprotest auf. Das fühlt sich an wie eine aufsteigende Übelkeit nachdem man sich überfressen hat. Überfressen an Energie, getrieben durch fast unstillbaren Stromhunger.

Für meine Generation, die 1986 als sich der Reaktor in Tschernobyl in radioaktiven Rauch aufgelöst hat, noch ein Kind war, sollte eigentlich klar sein, dass sich so eine furchtbare Katastrophe nicht noch einmal ereignen darf. Ende der Achtziger Jahre waren wir alle an der Schule mehr oder minder umweltbewegt, protestierten in Geschäften dadurch, dass wir keine Plastiktüten angenommen haben – was damals doch heftige Diskussionen nach sich zog. Die Eltern wurden gedrängt, Strom zu sparen, mit Bus und Bahn zu fahren, statt mit dem Auto und der Physiklehrer wurde gelöchert mit Fragen zur Funktionsweise und Sicherheit von Atomkraftwerken.

25 Jahre später ist nichts davon geblieben. Oder fast nichts. Jetzt, wo die Meisten schon eigene Kinder haben, ist der Einkauf beim Bio-Supermarkt schon die Vollendung des eigenen Umweltengagements. Besonders Fleißige wählen sogar die Grünen und ein paar Wenige wechseln dann noch zu einem Ökostromanbieter.




Haben wir denn gar nichts gelernt? Wir, die wir mit der Umweltbewegung groß geworden sind? Wir, die wir mit einer rot-grünen Regierung den Ausstieg aus der Atomkraft gewählt haben? Immer noch entscheidet das Geld, der Preis, die Leistung über unser Handeln. Doch die Natur bittet nicht um Kapital. Die Natur hat ihren eigenen Preis, vielmehr gar keinen oder einen unbezahlbaren: Das Leben. Je mehr wir also im Einklang mit der Natur leben desto besser könnte ein Fazit lauten. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und Enkel.

Warum investieren wir dann nicht in die Natur? Die Atomlobby ist die stärkste Lobby im Deutschen Parlament.diktiert der Politik förmlich ihr Handeln. Getrieben von Riesengewinnen, frohlockt sie: „Huhu, Steuerabgaben winken. Winke, Winke.“ Und die Macht im Staat, also die Mehrheit im Volk, fällt scheinbar darauf herein. Vergessen, der saure Regen, in den man vor ca. 25 Jahren vielleicht versehentlich reingeraten ist. Vergessen, das tagelange Spielplatzverbot. Vergessen die Angst und die Sorge, die uns Aufklärungsfilme wie „Wenn der Wind weht“ gemacht haben. Alles ist gut, solange es gut ist.

Sogar Greenpeace Gründer Patrick Moore wechselte die Seiten und ließ sich von der Atomkraft kaufen. Weniger CO2 sei schließlich auch gut fürs Klima. Ein Riesen Glaubwürdigkeitsverlust, den Greenpeace aber locker wegzustecken scheint. Kein Wunder, nur beim Gedanken an Greenpeace kommt das wohlige Gefühl unserer Kindheit hoch: Wir sind doch diejenigen die sich für die Umwelt stark gemacht haben. Und in Gedanken tun wir es immer noch. Alles nur Sofaaktivismus.

Fand Umweltprotest früher auf der Strasse statt, macht es heute einem das Internet einfach sich zu engagieren, z.B. als Mitglied in der Greenpeace Facebook-Gruppe „We want facebook to use 100% renewable energy“. Auf den ersten Blick ist der Protest ins Netz eingezogen wie auch hier: Facebook „Atomkraft Nein Danke“, doch was sich dahinter verbirgt ist Lifestyle. Hat das noch mit wirklichem Protest zu tun? Die Suchmaschine „ecosia“ suggeriert CO2-armes recherchieren im Internet. Dabei basiert sie nach eigenen Angaben auf Produkten von Microsoft und Yahoo. Der Nutzer wird allerdings nur über die FAQs darüber aufgeklärt.

Atomkraft, nein Danke. Wir stellen Profilbilder mit einer Protestsonne auf Facebook, wodurch wir ausdrücken wollen, wir sind dabei. Wir sind dagegen. Wiegesagt, es weckt Erinnerungen. Leider konnte ich das Video eines in die Jahre gekommenen Ehepaars nicht mehr finden, in dem die Frau gegen Castoren protestiert und sagt:„1985 waren wir das erste mal hier, wir machen das jetzt als Revival der Familie“ Aber nicht nur das. Es gehört auch zu unserem Lifestyle. Dennoch frage ich mich, ob der Mac-User aus dem Prenzlauer Berg ausgestattet mit grüner Kampagnensymbolik und weiß-grauer Website mit abgerunden Ecken, sich einen Gedanken darüber gemacht hat, woher sein Provider den Strom bezieht. Es wäre doch geradezu absurd über den Computer gegen Atomkraft zu protestieren, wenn der Computerstrom aus dem Atomkraftwerk gespeist wird. Aber das nur am Rande. Andersherum grotesk ist ja auch, dass die Seite kernenergie.de größtenteils über einen Ökostromprovider läuft. Hier der Link zum selber ausprobieren: http://www.heise.de/netze/tools . Irgendwie verkehrte Welt. Atomausstieg könnte doch so leicht sein. Man wechselt seinen Stromanbieter und bezieht Ökostrom. Meistens gibt es sogar einen Gutschein eines Biosupermarktes noch dazu. Dennoch beziehen nur ca. 5% der deutschen Haushalte Strom des beruhigten Ökogewissens. Hm, sollte man das Gewissen von 95% der Verbraucher in Frage stellen?
Naja, Kindheitserinnerungen blenden ja im Allgemeinen negative Erinnerungen verstärkt aus.

Zurück zur Kohle. Also vielmehr zum Geld und denjenigen, die in Atomkraft investieren. Auf der Seite nuclearbanks.org werden die Geldgeber der Atomlobby aufgezeigt. Die Sicherheit der Kernkraftwerke ist ein globales Thema. Selbst wenn Deutschland von heute auf gleich den Atomausstieg umsetzen würde, bleiben die Atomkraftwerke unserer Nachbarn, z.B. in Frankreich (Cattenom). Doch selbst dieses Land, das derzeit zunehmend auf mehr Atomkraft setzt, kauft Strom aus Deutschland. Diese Seite versucht die finanziellen Verknüpfungen aufzuzeigen: Ist ein ideologisch aufgeladener Protest überhaupt geeignet, sich gegen rein wirtschaftliche Interessen durchzusetzen?

Herausgeber dieser Seite ist u.a. Greenpeace. Erstaunlich, wie Jan Haase, Leiter der Kommunikation von Greenpeace Energie hier neue Verbündete ausmacht.

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Eigentlich ist dieses Video als Web-TV Pilotangebot letzten Herbst während der Proteste gegen die Verlängerung schwarz-gelber Laufzeiten entstanden. Es handelt sich hier um eine gekürzte Fassung. Moderation: Kristin Joachim. Redaktion: Karina Fissguss, Stefan Schrötke. Technische Umsetzung: Patrick Lindhoff, Hans-Jürgen Mörsch.

Offen bleibt die Frage nach unserem Stromhunger dennoch. Für die ersten Schritte nach dem Wechsel zu einem Ökostromanbieter zu Hause bietet ecologee.net eine Übersicht über Internet Service Provider, die ohne Atomstrom laufen.
Dennoch steigt der Stromverbrauch steigt zunehmend durch den mobile Lifestyle. Laptops, Handys, Server benötigen durch einen immer höher werdenden Traffic immer mehr Energie. So verbraucht ein Second Life Avatar über seine Server 195 KWSt. Strom im Jahr. Auf der CeBIT 2010 stellte das Umweltbundesamt unter Schirmherrschaft des BMU grüne Informationstechnik vor. Wie können regenerative Energien für Server genutzt werden? Welche technologischen Entwicklungen gibt es, die zur Energieeffizienz und zum ökologischen Elektroschrott-Recykling beitragen können? Ist Green IT ein Thema, das die Bundespolitik beschäftigt? In der Enquete Kommission Internet und digitale Gesellschaft ist es jedenfalls ein Diskussionspunkt.

Wer sich über Green-IT weiter informieren möchte, kann hier oder da nachlesen oder sich ein paar witzige und nützliche green gadgets anschauen.

2006 kam von netzpolitik.org großes Lob für die Online Kampagne Green My Apple. Ist davon eigentlich je was umgesetzt worden?

Aber genau wie die Rettungsmaßnahmen mit Wasserwerfern und Hubschraubern, die Wasser auf das Atomkraftwerk in Fukushima abwerfen sollen, sind all die oben genannten Maßnahmen eher sprichwörtlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg ist kein langfristiges Konzept. Brauchen wir nicht eher einen gesamtgesellschaftlichen, wenn nicht sogar einen globalen Konsens darüber wie wir verantwortungsvoll mit der Natur und letztlich auch mit unserem Leben umgehen wollen? Ich jedenfalls habe keine Lust darauf, dass mir in naher Zukunft noch mehr Atomkraftwerke um die Ohren fliegen.


Eine Utopie hätte ich sogar ...
mehr dazu in meinem nächsten Blogbeitrag ...

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